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Tantra

 

 

Tantra als Lebensform

Tantra ist eine Lebensform, bei der das Göttliche nicht etwas Abstraktes ist sondern die Freude, die wir empfinden. Da es Freude nur geben kann, wenn es Leid gibt, so wie dem Wohlgefühl der Schmerz gegenüber steht, oder dem Werden das Vergehen, ist unsere weltliche Erkenntnis immer dual, das Göttliche aber ist eins.

Wir sind irdische Wesen und erfahren uns als Frau und Mann. Nur im Ansehen, im Lächeln, in der Berührung und in der sexuellen Vereinigung verschmelzen wir zu einem. In diesen vier Tantrastufen können wir uns als göttlich erfahren. Tantra ist daher Selbsterfahrung, Erfahrung des Anderen und die Erfahrung des Einswerdens.

Mit unserem logisch-begrifflichen Denken können wir Wissenschaft betreiben, Computerprogramme erstellen, Philosophien und Religionen entwickeln, aber wir werden das Göttliche nicht finden, denn es ist die höchste subtilste Erfahrung. Dieses subtile Bewusstsein erreichen wir im Tod, beim Schlaf und im Sex.

 

Sexualität als Erfahrung des Göttlichen

Im Tod, im Schlaf und im Sex verschwindet das logisch-begriffliche Denken. Es verschwindet unser normales Wachbewusstsein und der Körper geht in einen Zustand der Regeneration. Im Tod regeneriert er für ein weiteres Leben, im Schlaf erholen wir uns von den Anstrengungen des Tages und beim Sex erneuert sich der Körper für eine neue Lebendigkeit. Wir empfinden deshalb den Schlaf als so wohltuend und den Sex als Belebung der Lebensfreude.

Diese Regeneration ist der Schöpfungsprozess. Wir können uns somit im Schlaf und beim Sex immer wieder erneuern und damit beteiligen wir uns am Schöpfungsprozess.

Die sexuelle Vereinigung ist im Tantra daher einerseits Symbol des Einswerdens und andererseits die Erfahrung der Schöpfungsenergie in der Regeneration.

 

Kundalini als sexuelle Energie

Die Kundalini schläft an der Basis unserer Wirbelsäule. Immer wenn wir uns dehnen und strecken bewegen wir sie ein wenig, das empfinden wir als angenehm. Immer wenn etwas im Körper angenehm, wohltuend oder lustvoll ist, erwacht die Kundalini. Wenn es das angenehme Gefühl nicht gäbe, wüssten wir gar nicht, wie wir uns dehnen und strecken sollen. Auch die Tiere haben eine Kundalini.

In der Berührung von Yoni (dem weiblichen Geschlecht) und Lingam (dem männlichen Geschlecht) sowie bei der sexuellen Vereinigung kommt es zur intensivsten Erfahrung des Angenehmen, des Wohltuenden und des Lustvollen - also zur Erfahrung der Kundalini.

Im Tantra gibt es keine Moral. Dem Angenehmen steht der Schmerz gegenüber. Beide sind weder gut noch böse. Sie sind beide Formen unseres Erlebens. In den Tantras steht, dass wir mit dem Wohlgefühl den Schmerz überwinden. Darum verweilen die Tantriker bei ihren Ritualen lange im Wohlgefühl der sexuellen Berührung und Umarmung. Die sexuelle Lust wird dabei etwas moralisch anständig oder unanständig gesehen sondern als Erwachen des Göttlichen in uns. Die sexuelle Umarmung wird dadurch zur direkten Gottesverehrung. Die tantrische Verehrung beginnt mit dem körperlichen Akt. Dann entsteht in uns das göttliche Bewusstsein. Es ist die Einheit des weiblichen und männlichen Aspekts der Schöpfung.

 

Sex als Weg des Liebevollen

In der sexuellen Umarmung erfahren wir uns als Bekommende und Gebende, als Empfangende und Liebevolle. Das öffnet unser Herzchakra. Es wird uns einfach warm ums Herz. Im Tantra ist dies das Zeichen, dass die Göttin Kundalini in unser Herzchakra aufgestiegen ist.

Zuerst spüren wir die Wärme in unseren Sexorganen. Sie füllen sich mit Blut und schwellen an. Wobei dabei die Schamlippen der Frau anschwellen und sich ihre Scheide nach innen weitet. Beim Mann schwillt das männliche Glied an und erigiert. Nun vereinigt sich das Paar in sexueller Umarmung.

Das weitere Aufsteigen der Göttin spüren wir als Wärme in unserem Bauchraum. Im Tantra wird dieser als Nabel-Chakra bezeichnet. Dabei überwinden wir unsere Ängste vor dem anderen und nehmen einander an. Die intime Nähe löst dabei angenehme Gefühle in uns aus.

Dann erreicht die Göttin unser Herz-Chakra. Wir spüren dies als liebevolle Wärme. Damit kommt es zur Verbindung des Lustvollen mit dem Liebevollen. Dieses angenehme Gefühl des Liebevollen können wir in unser tägliches Leben übertragen und allen Menschen achtsam und liebevoll begegnen. Tantra verändert uns zu mitfühlenden Wesen, die im Anderen das Göttliche sehen, das sie achten und ehren.

 

Sex als Meditation

In der meditativen Einstellung lösen wir uns von Ärger, Hass, Eifersucht und Gier. Wir beurteilen nicht nach gut und böse, richtig und falsch. Wir wechseln vom Haben-Modus in den Seins-Modus. Wir sind im Hier und Jetzt. Damit treten Zeit und Raum in den Hintergrund.

Wenn sich der Körper entspannt und der Atem ruhig und gleichmäßig wird, wendet sich unser Blick nach innen. Wir werden von Handelnden zu Beobachtern. Wenn wir in diesem Zustand Musik hören, entsteht diese Musik in uns. Wenn wir ein Bild betrachten, spiegeln wir es in uns. Auch im Sex entsteht in uns ein Abbild. Im Tantra wird dies als Wissen bezeichnet.

Das Sehen der Gefährtin/des Gefährten lässt in uns ein Bild entstehen. Wenn wir Yoni und Lingam betrachten, entsteht ein Wissen um Yoni und Lingam. Wenn wir uns berühren, werden wir zur Berührung und wenn wir uns vereinigen, erfahren wir uns.

In der Meditation betrachten wir diese Bilder, Empfindungen und Gefühle. Sie sind Abbilder der Schöpfung und damit des Göttlichen.

 

Kundalini-Yoga und Tantra - die Praxis

In der Praxis üben wir in vier Abschnitten:

  • Yogaübungen: dabei erlernen wir die Basisübungen des Kundalini-Yoga - Asanas, Mudras, Bandhas und Pranayamas sowie Übungsverbindungen aus der traditionellen tantrischen Sadhana,
  • Pujas: als Einführung in den Ritualweg, dabei werden die tantrischen Formen der Berührung und die Vereinigungshaltungen geübt,
  • freies Tanzen: dabei machen wir die Erfahrung der spontanen Bewegung und der Begegnung in der Gruppe,
  • Rituale: dabei machen wir die Erfahrung der äußeren Berührung, des inneren Ströhmens und des Einswerdens in der Umarmung.

 

Die Chakren, die Kanäle und die Kundalini

Die Chakren und die Kanäle entsprechen unserem Drüsen- und unserem Nervensystem. Die sieben Chakren haben eine Entsprechung in der Zirbeldrüse, der Hirnanhangdrüse, der Schilddrüse, der Thymusdrüse, der Bauchspeichel- und der Nebennierendrüse sowie den Geschlechtsdrüsen.

Die Drüsen steuern unser autonomes Nervensystem. Das willkürliche Nervensystem, der Sympathikus bildet nach der Sicht der Inder den rechten Kanal und das unwillkürliche, also der Parasympathikus, den linken Kanal. Über die Wirbelsäule verläuft der mittlere Kanal.

An der Basis der Wirbelsäule schläft die Kundalini. Bei jedem Dehnen und Strecken bewegen wir die Wirbelsäule von unten nach oben und aktivieren die Kundalini. Dies regt die Drüsen von unten nach oben an und wir verspüren ein angenehmes Gefühl. Das willkürliche und das unwillkürliche Nervensystem spielen zusammen, wir machen Bewegungen und haben angenehme Gefühle.

Ebenso ist es beim Tanzen. Wir bewegen uns über die Wirbelsäule und steuern die Bewegung über die Empfindungen. Dies regt die Drüsentätigkeit an und löst angenehme Gefühle aus.

Im sexuellen Yoga des tantrischen Rituals werden die Chakren von oben nach unten geöffnet. Wir nehmen sowohl mit dem willkürlichen als auch mit dem unwillkürlichen Nervensystem eine energetische Verbindung auf. Wobei das unwillkürliche Nervensystem auch durch das Bewusstsein erreicht wird. Die Inder wussten schon, dass die Energie dort im Körper ist, wo wir mit dem Bewusstsein sind.

Dann wird die Drüsentätigkeit von unten nach oben angeregt. Durch Berührungen von Yoni und Lingam stimulieren wir die Geschlechtsdrüsen. Der ganze Körper kommt in Bewegung und der Atem wird tiefer. Dies löst angenehme und lustvolle Gefühle aus, die wieder unsere Aktivität steuern. Nach und nach werden alle Drüsen angeregt und aktivieren den ganzen Körper. Dies führt zum Ganzkörper-Orgasmus, den wir als besonders befriedigend erleben.

 

Die vier Glückseligkeiten - Yoga der inneren Wärme

Wenn sich die Freude, die wir bei den vier Berührungen, mit der Lust, die wir beim Sex empfinden, verbindet, erfahren wir die vier Glückseligkeiten:

  • Glückseligkeit,
  • höchste Glückseligkeit,
  • spezielle Glückseligkeit und
  • ursprüngliche Glückseligkeit.

Im Yoga der inneren Wärme strömt die Energie von der Wärme der sexuellen Lust angefacht in den zentralen Kanal und löst in unserem Bewusstsein das Gefühl der Freude aus. Diese Freude tropft von oben herab und wir empfinden die vier Glückseligkeiten. Wenn wir die innere Wärme anhalten, erleben wir die vier Glückseligkeiten aufsteigend bis zum Scheitelchakra. Wir empfinden dieses Aufsteigen durch alle Chakren als

  • wohltuendes Körperempfinden,
  • sexuelle Lust,
  • angenehme Gefühle im Bauchraum,
  • Freude und Liebe,
  • Geschmack, Geruch, Klang, Bild unf Berührung,
  • inneres Sehen,
  • Auflösung von Zeit und Raum.

 

Das tantrische Ritual

Das tantrische Ritual ist ein Verehrungsritual. Dabei wird das Paar zum göttlichen Paar von Shiva und Shakti. Sie sind das männliche und weibliche Prinzip der Schöpfung.

Die Frau ist ihrer Natur entsprechend liebevoll, der Mann ist seiner Natur entsprechend lustvoll. Im Ritual entwickelt der Mann seine weibliche Seite und begegnet der Frau besonders zärtlich und liebevoll. So wird er zur Einheit der Schöpfung aus Lust und Liebe. Die Frau gibt sich ihrer sexuellen Lust hin und genießt seine Zärtlichkeiten. So entwickelt sie ihren männlichen Aspekt und wird ebenfalls zur dieser Einheit.

Beide erleben sich so als lustvoll und liebevoll. In der Sprache der Tantras durchdringt die Kundalini ihr Sexual- und ihr Herzchakra. Das ist die Phase in der das Paar in ihren lustvollen Empfindungen und ihren liebevollen Gefühlen die sexuelle Vereinigung genießt. Erreicht das Paar die Orgasmusphase durchdringt die Kundalini das Stirnchakra und löst Zeit und Raum auf. Für das Paar scheint die Zeit still zu stehen und es befindet sich wie man sagt im siebenten Himmel. Es folgt nun noch die subtile Phase, in der die Bewegungen aufhören und das Paar in dieser Stimmigkeit verweilt. Es ist die Phase der Ruhe und des inneren Friedens. Alles hat sich erfüllt und das Paar verweilt in Glückseligkeit.